„Trotz Hass und Streit
Wir alle sitzen
in einem Boot.
Wir alle sind betroffen,
wir alle geraten in Not.
Das Boot
gerät ins Schwanken,
das Gleichgewicht verloren.
Wo finden wir
unseren gemeinsamen Schwerpunkt?
…“
(Mara K., Auszug)
Weltweit erleben die Menschen in nahezu allen Industrienationen einen immer stärker werdenden Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus. Und das zeigt sich auch in Zahlen hier in Deutschland. Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt gewählt und die von den Landesverfassungsgerichten in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen als vom Verfassungsschutz gesichert rechtsextrem eingestufte AfD erzielte 43,8 %.
Doch was tun, wenn Menschen die Menschenwürde abgesprochen wird? Was tun, wenn von wenigen entschieden wird, wer dazugehören darf und wer nicht? Was tun, wenn es wieder normal ist, in einer Sprache zu sprechen, die stark an die Zeit zwischen 1933 und 1945 erinnert?
Wir entschieden uns in der Projektwoche, die vom 7. bis zum 11. September an unserer Schule stattfand, zu schreiben. Wir schrieben Geschichten, Gedichte, Reden und Briefe. Wir zeichneten Graphic Novels und tauchten in unsere eigene Vergangenheit und Gegenwart ein. Unter der Leitung des Autors Marty Sennewald sowie den Lehrkräften Frau Herper, Frau Ehrenberg und Herrn Brauer entstanden in der Zeit von rund vier Tagen 32 Texte, die sich mit historisch-geschichtlichen Themen, aktuellen politischen Debatten und persönlichen Erlebnissen beschäftigen.





„… Mia schaute wieder zu Lotte, sie dachte: „Wenn alle lachen und nur einer verletzt ist, auf wessen Seite soll man dann stehen? In diesem Moment wusste Mia, dass Schweigen keine neutrale Lösung war. I…I Nicht alle wurden plötzlich freundlich, und manche blickten immer noch weg. Aber etwas hatte sich verändert: Schweigen war nicht mehr selbstverständlich. I…I“
(Charlotte J., 10 Jahre, Auszug)
Doch wie schreibt man eigentlich einen literarischen Text?
Damit auch jeder und jede etwas beitragen konnte, begann der Montag mit einigen Schreibübungen. Die Anweisung war simpel, die Umsetzung dafür umso schwieriger: “Schreibt in den nächsten 12 Minuten die schlechteste Geschichte der Welt.” Nun ja, schlecht waren die Geschichten eigentlich nicht. Grammatikalisch oder in der Wortwahl ausbaufähig, aber auf keinen Fall schlecht. Nach einer gemeinsamen Auswertung sollten nun die besten Geschichten der Welt geschrieben werden. Nun ja, auch diese erfüllten die Anforderungen oftmals nicht. Und so überlegten wir uns gemeinsam, was es für eine gute literarische Geschichte braucht. Das ist nämlich gar nicht so einfach, wie es immer scheint. Denn nicht nur müssen die Figuren und die Welt, in der sie spielen, logisch durchdacht sein. Wer auch immer die Geschichte liest, muss das Gefühl bekommen, dass das Gelesene tatsächlich echt ist. Es muss Leerstellen lassen, Freiraum zum Denken geben, nicht zu viel erklären, aber konkret sein….
`… Eines Abends sagte einer von ihnen: „Wir wollen dir nichts vorschreiben. Wir zeigen dir nur, was wirklich passiert.“ Dann stellte er ein Glas auf den Tisch. Die Flüssigkeit darin war dunkel. „Probier es.“ Daniel zögerte, doch schließlich nahm er das Glas und trank den ersten Schluck. Es schmeckte zunächst nicht bitter. Im Gegenteil. Es schmeckte nach Gewissheit. Das Glas war gefüllt mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Für jedes gesellschaftliche Problem gab es plötzlich einen Grund und für jedes Problem einen Schuldigen. …´
(Nick W., Carlo L., Auszug)
Der Montag endete mit einer Zeit zum freien Schreiben, in der sogar schon die ersten Texte entstanden. Dienstag und Mittwoch brachten eine Menge Zeit zum Schreiben, Recherchieren, Lesen und Ideenentwickeln, wobei sich auch immer wieder die Expertise von Marty Sennewald und unseren Lehrkräften eingeholt wurde. Der Donnerstag war schließlich für den Feinschliff zuständig. Überall wurde an den Texten geschraubt, gestrichen, verworfen und neu formuliert, bis schließlich feststand, wer sich traut, den eigenen Text bei einer der beiden Lesungen öffentlich vorzutragen, die für das Schulfest am Freitag, dem 11. September, geplant waren.






„… Und während die Erwachsenen über Macht und Mehrheiten reden, sitzt irgendwo ein Jugendlicher und fragt sich:
Was wird aus meiner Zukunft?
Ich will doch nur leben.
Ich will lieben, Freunde haben, lachen, reisen, eine Ausbildung machen, vielleicht studieren, irgendwann eine Familie
gründen und morgens aufwachen, ohne Angst davor, dass die Welt wieder brennt...“
(Falk P., Auszug)
Und so war es am Freitag soweit: Um 10 Uhr trafen wir uns und besprachen die letzten wichtigen Dinge, bevor wir in der Aula und auf den Gängen unsere Texte übten. Um 13:15 Uhr und 15:15 Uhr wurden schließlich nach den Begrüßungsworten durch Herrn Brauer einige der großartigen Schriften vorgetragen, die in der Woche entstanden waren. Mia Abicht moderierte die Vorführungen und gab den Texten einen passenden Kontext. Am Ende der beiden Aufführungen spielten Jarik Wolter und ich unser selbst komponiertes Lied „Bessere Welt“ (es wird auch in der Anthologie abgedruckt werden). Ein Dank geht zusätzlich noch an Sarah Hovancovà, welche beim zweiten Durchgang in der Aula die Übergänge zwischen den Beiträgen auf dem Klavier begleitete.







Alle gemeinsam entschieden wir uns für das “Haltung-Zeigen!”. Denn unsere Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder versuchen extreme Kräfte, die Säulen unserer Freiheit zum Einsturz zu bringen. Und damit auch unsere Kinder und Kindeskinder noch in Freiheit und Frieden leben können, müssen wir uns erinnern, aufeinander zugehen und miteinander reden. Wir müssen gemeinsam ein Zeichen setzen und “Haltung zeigen!”.
„Ich war dort,
wo Geschichte plötzlich
keine Geschichte mehr war.
Nicht im Schulbuch.
Nicht auf einer Seite.
Nicht hinter einer Jahreszahl.
Vor mir.
Auschwitz.
…“
(Mia A., Auszug)
Unsere Texte werden demnächst in einer Anthologie veröffentlicht, die als literarische Sammlung voller Texte von jungen Menschen ebenfalls dazu beitragen soll, unsere Demokratie zu verteidigen.
Seid gespannt!
Cedric Penndorf
