„Haltung zeigen!“ – Eine deutsche Staatsbürgerschaft macht dich nicht deutsch!

❗️Haltung zeigen ❗️ Politik & (Zeit)Geschichte

Seit 1950 immigrierte 17,3 Prozent der Bevölkerung nach Deutschland und weitere 5,7 Prozent sind Kinder dieser Immigranten. Ich bin ebenfalls Teil dieser 5,7 Prozent und obwohl sich Dreiviertel dieses Anteils als Deutsche/r bezeichnen würden, wüsste ich nicht, ob es auf mich zutrifft, da es die Frage in mir aufwirft: Wann bin ich eigentlich integriert genug, um mich „deutsch“ zu nennen?

Der Anstoß, mich überhaupt mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen, kam durch den Englisch-Unterricht und durch die Aufgabenstellung, einen Meinungsartikel zu einem beliebigen Thema zu schreiben. Die Idee, über meine Herkunft zu reflektieren, entwickelte sich recht schnell, jedoch fiel mir genauso schnell auf, dass ich gar nicht weiß, woher ich komme!

Mich auf die Heimat meiner Eltern — Pakistan — zu beziehen, scheint im ersten Augenblick zwar sinnvoll, aber allzu viel weiß ich gar nicht über das Land. Könnte ich mich also auf Deutschland beziehen? Immerhin leben meine Eltern seit Jahrzehnten hier und wohnen teilweise länger in Sondershausen als so manch einer in meinem Bekanntenkreis. Aber diese Personen würde nie jemand fragen: „Woher kommst du wirklich?“ Kann meine Antwort darauf überhaupt festlegen, wie ich gesehen werde? Kann ich entscheiden, ob die Person mich als Pakistani oder Deutsche bezeichnen wird?

Aus persönlicher Erfahrung ist die Antwort auf diese Frage: Nein. Je nach Situation bin ich „eigentlich deutsch“ und in anderen bin ich eine Immigrantin, und – öfter als ich wünschte – käme ich nicht aus Pakistan, sondern aus anderen ähnlichen, bekannteren Kulturen, wie z.B. der Türkei, Afghanistan, Indien usw. Nun ist es möglich anzumerken, dass gerade mal 140.000 Pakistanis in Deutschland leben und man diese Länder somit schnell verwechseln könnte, jedoch würde ich nie einen Italiener, nach mehrfacher Aufklärung,, als Franzosen bezeichnen, einen Deutschen nicht als Österreicher, einen Engländer nicht als U.S.-Amerikaner – nicht mal jemanden aus Sachsen als Thüringer – und das, obwohl sich all diese Nationalitäten ähnlich sehen, eine ähnliche bzw. die gleiche Sprache sprechen und ähnliche Traditionen haben!

Somit könnte man das Argument, es den Immigranten durch Integration einfacher machen zu wollen, damit kontern, dass man es sich als Nicht-Immigrant einfacher macht, indem man alle Ausländer in eine Schublade steckt, denn Immigranten hatten und haben meiner Meinung nach nie ein Problem mit dem Unterscheiden verschiedener Nationalitäten!

Mann muss anmerken, dass es, wenn man einen Deutschen fragt, ob er sich nicht mit den verschiedenen Kulturen beschäftigen könnte, unhöflich wäre. In Ländern, wie z.B. China, Mexiko, Indien usw. sieht man Immigranten und Touristen an den Festen und Traditionen der Bevölkerung teilhaben, ohne dass sich eine Seite verdrängt fühlt und das Gleiche gilt auch umgekehrt. Wieso können also hier in Deutschland nicht mehrere Kulturen gleichzeitig am selben Ort existieren? Tatsächlich ist das schon so, aber alles Gute rechnet man Deutschland zu, während alles Schlechte angeblich durch das Ausland komme – ein Vorurteil?

Deutschland ist in diversen Wissenschaften fortgeschritten und stolz darauf. Dass viele Wissenschaftler, die uns überhaupt soweit brachten, vertrieben wurden – beispielsweise aufgrund ihrer jüdischen Herkunft (wie z.B. Albert Einstein und Fritz Haber) – wird hierbei ignoriert. Bekannt ist dieses Land ebenfalls für sein Gesundheitswesen, aber der Fakt, dass in diesem 22,5 Prozent einen Migrationshintergrund haben, inklusive der 27,3 Prozent aller Ärzte Deutschlands, wird nicht erwähnt, damit man für weniger Immigration werben kann, obwohl der Mangel in vielen Bereichen ohne Immigration noch größer wäre. Dies gilt nicht nur im Gesundheitswesen, sondern in allen Bereichen mit Erwerbstätigen, von denen zwölf Millionen einen Migrationshintergrund besitzen. Aber auch Inventionen, die wir alltäglich nutzen, wurden oft von ausländischen Personen und Unternehmen erfunden und hergestellt. Wieso also herrscht dann immer noch, neben vielen anderen, das Vorurteil, dass Ausländer faul seien?

Ich persönlich würde sozialen Medien die Schuld teilweise zuschreiben. Die gastfreundlichsten Länder sind die, in denen soziale Medien am wenigsten verbreitet sind. Diese Länder lernen neue Personengruppen persönlich kennen und weniger durch Nachrichtensender oder Social-Media-Kanäle, die das Negativste hervorheben und durch Falschinformationen, die von ihrer Meinung überzeugen wollen, geprägt sind. Hinter unseren Medien stehen jedoch wir selber. Wir bestimmen, was viral geht, wir bestimmen die Schlagzeilen, von denen wir am meisten hören und wir bestimmen, was wir glauben wollen und was eben nicht! Somit kommen Vorurteile und Meinungen teilweise dadurch zustande, dass wir alle fauler werden; zu faul, um unsere eigene Recherche zu betreiben, da es einfacher ist, unkontrollierten, fremden Quellen zu vertrauen alles zu hinterfragen.

Vorurteile sind jedoch menschlich und so entsteht diese Faulheit und das Sehnen nach positiven Eigenschaften sowie nach der Anerkennung für diese – aber kann dieser Wunsch nicht erfüllt werden, ohne andere als unterlegen darzustellen? Wir könnten uns alle Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu Nutzen machen, um die Lebensqualität aller zu verbessern, aber dies wäre eine ideale Welt, die wir teilweise ablehnen wollen, da es verlangen würde, uns mehr Arbeit zu machen und es in in unserer modernen Welt das eigentliche Ziel ist, Arbeit so weit wie möglich zu verringern, was wir an Beispielen wie CHAT-GPT und anderen Maschinen sehen. Geben wir also unsere Moral und unsere Werte im Namen des Fortschrittes auf? Wenn alles schnell gehen muss, wieso bleibt dann weniger Zeit, um ein individueller Mensch zu sein? Wie individuell sind wir eigentlich, wenn wir uns unsere Meinung unterbewusst vorschreiben lassen, ohne sie zu hinterfragen und ohne bzw. die späte Realisierung, dass wir keine eigenen Meinungen mehr bilden, sondern ausschließlich Argumente, ob bewiesen oder unbewiesen, für bereits bestehende Meinungen suchen?

Ich werde oft als ungeeignete Repräsentation für diesen Themenbereich gesehen, da ich und meine Familie Teil „der guten“ Immigranten sind. Aber was macht uns gut und andere schlecht? Die Antwort ist recht simpel: Wir haben uns angepasst und das heißt, wir haben unsere Identität soweit aufgegeben, dass wir uns vom „typischen, schlechten Immigranten“ unterscheiden. Sind die Menschen also froh, dass ich nicht wie der „schlechte Teil“ bin, können sie sich bei dem rassistischen Gedankengut bedanken, der dafür sorgte, dass ich mich genug schämte, um mich selber nicht kennenlernen zu wollen. Ich wollte meine Muttersprache nicht erlernen, ich wollte nichts über Traditionen wissen, wollte nicht diese „ausländischen“ Speisen essen und kochen. Dies sind alles Dinge, die ich erst jetzt erlerne, da ich es bereue, es damals nicht getan zu haben – um zu beweisen, dass ich deutsch bin. Und das, weil ich schon früh hörte und lernte, was meine Mitmenschen über Immigranten sagen. Denn wenn Menschen fragen, woher ich wirklich sei, ist das Interesse an meiner Kultur nicht der Hauptgrund für diese Frage — Menschen fragen ausschließlich, um zu erfahren, was besser hinter meinem Rücken zu sagen wäre. Seine nicht-deutsche Kultur auszuleben, lässt nunmal keinen Platz für Respekt und Anerkennung.

Nun zurück zur eigentlichen Frage: Bin ich deutsch oder nicht? Bin ich integriert genug, um diesen Titel zu erwerben? Bestimmt in der richtigen Situation und je nach Person und ihrer persönlichen Definition eines „Deutschen“, aber ich merke ebenfalls, dass deutsch oder nicht-deutsch kein Teil meiner Identität ist. Grenzen, die sich ständig verschieben und oft ungeklärt sind, definieren und beeinflussen mich nicht! Das, was mich beeinflusst, ist die Kultur, die ich (nun) von beiden Ländern erlernen durfte, wertschätze und weitergeben will. Dies beinhaltet jedoch nicht nur die Kultur Pakistans und Deutschlands, denn mittlerweile – durch Reisen, soziale Medien und Immigration – verschmelzen so viele Kulturen, dass man etwas aus allen mitnimmt. Somit komme ich nirgendwoher, irgendwoher und überallher. Denn das, was wir Menschen eigentlich sind, ist eine Collage aus allem und jeden, den wir lieben und geliebt haben und diese Dinge und Personen sind so viel mehr als ihr zufälliger, nicht selbstentschiedener Geburtsort. Damit sind eigentlich simple Fragen, wie z.B. woher ich stamme, so komplex, dass uns selbst KI keine Antwort darauf geben kann, weshalb wir erneut erlernen sollten, uns mit den einfachen Fragen im Leben zu beschäftigen, denn nur so können wir eigentlich komplexe Probleme, wie z.B. Rassismus, lösen und „Haltung zeigen!“.

Aber durch das Befassen mit dieser Fragestellung weiß ich schlussendlich auch, dass Integration nicht von mir abhängig ist und sogar unerreichbar bleibt, denn Integration bedeutet ausschließlich den Wunsch zu hegen, dass andere ihre Identität, d.h. ihre Unterschiede, aufgeben. Manche Dinge kann ich jedoch nicht aufgeben. Ich kann meine Familie nicht löschen und auch nicht mein Aussehen, somit kann ich nie komplett aufgeben, was mich anders macht. Anstatt mich also darauf zu fokussieren, etwas Unmögliches zu erreichen, werde ich meinen Fokus darauf legen, die Erwartungen der Gesellschaft an mich zu ignorieren, da ich mein Leben nicht nach etwas ausrichten will, das einen Wettstreit daraus macht, wer seine Identität am wenigsten auslebt.

Nächstes Mal, wenn ich dafür gelobt werde, wie integriert ich bin, weiß ich also, dass es nur ein Lob dafür ist, wie wenig ich auslebe, wer ich bin und wie viel einfacher ich es der Person mache, mich als gleichwertig zu sehen, trotz aller Vorurteile, die diese Person Menschen wie mir gegenüber hat und nicht ablegen will. Dies ist das eigentliche Ziel eines Immigranten – dieses Kompliment niemals zu bekommen -in meinen Augen.

Aliza Mahmood

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