Das Ortsschild Richtung Oświęcim zeigte uns den Weg zu einem Ort, der den meisten Menschen besser unter dem Namen Auschwitz in Erinnerung geblieben ist. Wir fuhren während unserer Kursfahrt nach Krakau mehrfach in die Richtung, die uns das Schild zeigte. Trotz des Wissens, dass wir nur eine kurze Zeit von einigen Stunden dort verbringen würden, hatten wir alle ein mulmiges Gefühl im Bauch, als der Bus die Ortseinfahrt passierte. Wir waren auf dem Weg zum größten Vernichtungslager der NS-Zeit, einem Ort, der berüchtigt wurde durch die Verbrechen, die an diesem begangen wurden.
An diesem Ort ist das Unsagbare geschehen, aber wir werden nicht schweigen!
Unser Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau begann am Dienstag, dem 12. August 2025, in Auschwitz I, dem Stammlager. Ursprünglich als Kaserne gebaut, wurde es nach der Invasion durch die deutsche Wehrmacht zum Arbeits- und Konzentrationslager umfunktioniert. Den Schriftzug “Arbeit macht frei”, der gut lesbar über dem Eingangstor prangt, kennt jeder. Und ebenso jeder glaubt, eine entfernte Vorstellung davon zu haben, was es bedeutet, durch dieses Tor zu gehen und sich anzusehen, was von den Verbrechen der Nationalsozialisten übrig geblieben ist. Ein Trugschluss. Die dort ausgestellten Habseligkeiten, Fotos, Zeichnungen, Gegenstände und abrasierten Haare bilden nur einen Bruchteil dessen ab, was dort vor 85 bis 90 Jahren dort geschehen ist. Wir sahen Brillen und Schuhe, manche von ihnen so klein, dass mein Daumen gerade so hineingepasst hätte, Koffer mit Namen und Adressen – alles Menschen, die einem grausamen System zum Opfer fielen, einfach, weil ein paar wenige Personen entschieden hatten, dass sie weniger wert seien als sie selbst. Uns wurden Fotografien von Häftlingen gezeigt, die in diesem Konzentrationslager starben und wir gingen durch die Räume, in denen die ersten Vernichtungstests mit dem Giftgas Zyklon-B durchgeführt wurden. Dabei begleitete uns immer wieder der Gedanke: Wenn du jetzt ein Gefühl zulässt, frisst es dich auf und lässt dich nie mehr gehen.
Doch das war gerade erst der Anfang.
Denn am Mittwoch, dem 13. August, passierten wir erneut die Ortseinfahrt Oświęcim – diesmal auf dem Weg zu dem sechs Kilometer nordwestlich des Stammlagers gelegenen Auschwitz II-Birkenau, dem Ort, an dem rund 1,1 Millionen Menschen durch Hunger, viel zu schwere körperliche Arbeit bei allen Witterungsbedingungen, Krankheit, Vergasung mit Zyklon-B oder durch die Hand der Wärter einen grausamen Tod fanden, circa 90% von ihnen jüdischer Religion oder Abstammung. Andere Gruppen waren Sinti und Roma, Polen, sowjetische Kriegsgefangene und viele mehr.
Das perfekte Wetter mit seinem wolkenlosen Himmel und dem strahlenden Sonnenschein bildete einen fast schon perfiden Gegensatz zu dem Ort, an dem wir uns befanden. Hätte man nicht gewusst, wo man sich aufhielt, hätte man es fast für einen besonders friedlichen Ort halten können. Eine gefährliche Fehlinterpretation. In den Holz- und Steinbaracken wurden in einem Raum, der für 51 Pferde gedacht war, zwischen 400 und 800 Menschen eingesperrt. Zum Vergleich: Auf unsere Schule gehen ungefähr 360 bis 370 Schülerinnen und Schüler. Sanitäre Einrichtungen gab es nur in Form von Löchern in einer Betonplatte und zugänglich waren diese auch nur auf Anordnung der Wärter. Doch wer in die Baracken durfte, hatte Glück. Von den 1,3 Millionen Menschen, die in Auschwitz ankamen, wurden die meisten direkt nach der Selektion zu den Krematorien geführt, unter denen sich die Gaskammern befanden. Was dort passierte, ist keinem von uns ein Geheimnis.
Wir können das Ausmaß des Schreckens heute nicht mehr begreifen, aber wir können – und müssen – uns erinnern. Der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau hat mir unter anderem eins gezeigt: Solche Taten sind nur möglich, wenn zu viele Leute einfach wegschauen. Und ich fühle mich verantwortlich für all die Leben, die in Auschwitz zerstört wurden, solange ich mich nicht jeden Tag für andere einsetze – gegen Rassismus, gegen Hetze, gegen Entmenschlichung, gegen Diskriminierung. Denn das sind die Bausteine, auf denen das NS-Regime gebaut wurde. Bausteine, die in unserer Gesellschaft wieder mehr Zuspruch bekommen.
Doch wir dürfen nicht vergessen, nicht wegschauen, nicht schweigen wie viele unserer Vorfahren. Wir müssen laut sein und jeden Tag “Haltung zeigen!”, damit sich diese Geschichte niemals wiederholen kann.
Euer Cedric Penndorf


