Menschenrechte gestern, Menschenrechte heute

❗️Haltung zeigen ❗️

Ich, Mia Abicht, war zusammen mit drei Mitschülerinnen für sieben Tage in Oświęcim in Polen, um dort an einem Schüleraustausch mit polnischen Schülerinnen und Schülern teilzunehmen. Am Anfang wusste ich ehrlich gesagt nicht genau, was mich erwarten würde. Ein anderes Land, eine andere Sprache und gleichzeitig ein Thema, von dem man schon vorher weiß, dass es nicht einfach werden wird.

Doch diese sieben Tage waren für mich viel mehr als nur ein Schüleraustausch. Wir haben gemeinsam Workshops gemacht, die Stadt erkundet, Krakau besucht, geredet, gelacht und uns immer besser kennengelernt. Obwohl wir anfangs noch etwas fremd waren, hat sich das sehr schnell verändert. Irgendwann hat man gar nicht mehr darüber nachgedacht, wer aus Deutschland und wer aus Polen kommt. Wir waren einfach eine Gruppe Jugendlicher, die gemeinsam eine besondere Woche erlebt hat.

Dann kam Auschwitz. Natürlich wusste ich vorher, was dieser Ort bedeutet, denn wir hatten im Unterricht darüber gesprochen, Filme gesehen und Texte gelesen. Aber selbst dort zu stehen, war etwas völlig anderes. Plötzlich war es keine Geschichte aus einem Schulbuch mehr, sondern etwas, das sich real angefühlt hat. Während ich durch diesen Ort gegangen bin, kamen gleichzeitig so viele Gefühle in mir hoch, Traurigkeit, Wut, Unverständnis und eine Art Leere. Ich habe immer wieder versucht zu begreifen, was hier passiert ist, aber je länger ich dort war, desto mehr wurde mir bewusst, dass man etwas so Unmenschliches wahrscheinlich niemals wirklich verstehen kann.

Besonders der Gedanke, dass hinter all den Zahlen echte Menschen standen, hat mich sehr berührt. Menschen mit Familien, Freunden, Träumen und Plänen für ihr Leben, denen all das genommen wurde. Dieser Tag hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen und niemals zu vergessen, was passiert ist.

Am nächsten Tag trafen wir eine Zeitzeugin, und dieser Moment hat mich wahrscheinlich am meisten berührt. Vor uns saß plötzlich kein Name aus einem Geschichtsbuch und keine Zahl aus einer Statistik, sondern ein Mensch, der uns seine eigene Geschichte erzählt hat. Im Raum war es vollkommen still, weil jeder von uns einfach nur zuhören wollte. Ich war emotional und gleichzeitig sprachlos, weil es schwer war, sich vorzustellen, was ein Mensch erleben musste und wie er trotzdem die Kraft findet, Jahrzehnte später vor Jugendlichen zu sitzen und davon zu erzählen und diese auf eine unglaublich fröhliche Art zu motivieren, das Leben zu genießen.

Ihre Geschichte hat mir gezeigt, warum Erinnern so wichtig ist. Denn irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben, und dann liegt es an uns, ihre Geschichten weiterzutragen.

„Sei keine Nummer, sondern ein Name!” Dieser Satz von ihr hat uns alle sehr berührt und zum nachdenken angeregt, denn solch eine Aussage von einer Frau, welche einen Konzentrationslageraufenthalt überlebt hat, hat viel mehr Kraft, als man sich vorstellen kann.

Trotz all dieser schweren Momente gab es in dieser Woche aber auch unglaublich viele schöne Augenblicke. Wir haben zusammen gegessen, gelacht, geredet und Oświęcim erkundet. Manchmal mussten wir uns mit Händen und Füßen verständigen, wenn uns ein Wort gefehlt hat, und genau daraus entstanden oft die lustigsten Momente. Dadurch habe ich gemerkt, dass wir eigentlich gar nicht so verschieden sind, nur weil wir aus unterschiedlichen Ländern kommen.

Jetzt bin ich wieder zu Hause und mein Alltag ist eigentlich wieder ganz normal. Trotzdem fühlt sich etwas anders an. Ich denke seitdem viel mehr über Freiheit, Menschenrechte, Ausgrenzung und Vorurteile nach und darüber, wie wichtig es ist, nicht einfach wegzusehen.

Diese Reise hat mich traurig gemacht, mich zum Nachdenken gebracht und mich manchmal sprachlos gemacht, aber sie hat mir gleichzeitig auch Hoffnung gegeben. Denn wir können die Vergangenheit nicht verändern, aber wir können entscheiden, wie wir heute miteinander umgehen. Wir können uns kennenlernen, zuhören und voneinander lernen. Wir müssen Haltung zeigen, um genau solche grausamen Zeiten nie wieder zu wiederholen!

Wenn ich an diese sieben Tage zurückdenke, werde ich mich deshalb nicht nur an Auschwitz erinnern, sondern auch an die Menschen, mit denen ich diese besondere Zeit erleben durfte. Und genau das nehme ich aus dieser Reise mit: Wir dürfen niemals vergessen, was passiert ist, aber wir können dafür sorgen, dass unsere Zukunft anders aussieht.

Mia Abicht