Zwischen Weichsel und Weltgeschichte – eine Woche, die bleibt

Klassenfahrten und Exkursionen

Für die meisten von uns waren die Sommerferien am 17. August eigentlich vorbei, doch für die zwölfte Klasse des Geschwister-Scholl-Gymnasiums gab es noch eine letzte Verlängerung – und die führte uns nach Krakau. Eine Woche lang erwarteten uns Geschichte, Kultur, sportliche Herausforderungen, gemeinsames Lachen und vor allem jede Menge Erinnerungen.

Montag – Aufbruch Richtung Krakau

Am Montagmorgen hieß es früh aufstehen: Bereits um 6:45 Uhr traf sich unsere zwölfte Klasse am Sondershäuser Busbahnhof, damit wir pünktlich um 7 Uhr die Reise Richtung Krakau antreten konnten. Mit Gepäck, Vorfreude und vermutlich bei einigen noch deutlich vorhandener Müdigkeit ging es endlich los. Die ersten Stunden der Fahrt vergingen vergleichsweise ruhig. Während einige bereits die ersten Gespräche begannen, nutzten andere die Gelegenheit, noch ein wenig Schlaf nachzuholen. Nach einigen Stunden legten wir unsere erste Pause ein, bevor es anschließend weiter Richtung Polen ging.

Gegen 13 Uhr war es dann so weit: Wir erreichten polnischen Boden. Nach einer ausgiebigen Mittagspause ging es weiter durch die polnische Landschaft. Die Vorfreude stieg mit jedem Kilometer – schließlich lag unser Ziel nun nicht mehr allzu weit entfernt.

Gegen 19 Uhr erreichten wir schließlich Krakau. Nach der langen Busfahrt bezogen wir zunächst unsere Zimmer und machten es uns im Hotel gemütlich. Trotz des stürmischen Regenwetters wollten einige den ersten Abend natürlich nicht einfach im Hotel verbringen. Also ging es noch gemeinsam in die Stadt, wo wir etwas essen gingen und einen ersten Eindruck von Krakau gewinnen konnten. Danach hieß es allerdings: zurück ins Hotel, denn am nächsten Morgen wartete bereits das erste große Programm auf uns.

Dienstag – Krakau auf zwei Rädern

Um 10 Uhr startete unsere Stadtführung direkt am Hotel. Rund vier Stunden lang erkundeten wir Krakau und erfuhren dabei viel über die Geschichte der Stadt, ihre bedeutenden Gebäude und die Entwicklungen, die Krakau zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Nach der Führung blieb uns eine zweistündige Pause, die wir natürlich vor allem dafür nutzten, etwas zu essen und neue Energie zu sammeln. Denn der nächste Programmpunkt sollte durchaus körperlich anspruchsvoller werden: eine Radtour entlang der Weichsel. Mit unseren Fahrrädern ging es entlang des Flusses durch Krakau. Insgesamt legten wir dabei rund 27 Kilometer zurück. Was zunächst für den einen oder anderen vielleicht nach einer sportlichen Herausforderung klang, entwickelte sich zu einem überraschend entspannten Nachmittag. Mit Musik in den Ohren, Gesprächen untereinander und der Landschaft entlang der
Weichsel ließ sich die Strecke gut bewältigen. Zumindest bis wir wieder vom Fahrrad stiegen.


Denn nach vier Stunden und 27 Kilometern waren wir uns vermutlich alle einig: Ganz so entspannt, wie es zwischendurch ausgesehen hatte, war die Tour dann doch nicht. Die Beine waren müde, der Rücken tat weh und der Wunsch nach einem Bett wurde bei vielen immer größer.
Auf dem Rückweg zum Hotel wurde deshalb noch schnell etwas zu essen mitgenommen. Anschließend fielen wir wohl selten so bereitwillig ins Bett wie an diesem Abend.

Mittwoch – Ein Tag, der in Erinnerung bleibt

Am Mittwoch stand der wohl eindrucksvollste und zugleich nachdenklichste Programmpunkt unserer Studienfahrt auf dem Plan: der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Gegen 10 Uhr erreichten wir das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager. Bereits beim Betreten des Geländes veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Was zuvor vor allem eine gemeinsame Reise gewesen war, wurde an diesem Tag zu einer intensiven Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte.

Unsere rund dreistündige Führung durch Auschwitz I begann am bekannten Lagertor. Von dort aus führte uns der Weg durch die verschiedenen Bereiche des ehemaligen Konzentrationslagers. Wir erfuhren, warum Auschwitz zu einem zentralen Ort des nationalsozialistischen Massenmordes wurde und welche Bedeutung der Standort für das gesamte Lagersystem hatte. Besonders eindrücklich waren die zahlreichen erhaltenen Gegenstände der Menschen, die nach Auschwitz deportiert worden waren. Hinter Glas sahen wir Berge von Brillen, Koffern, Schuhen, Bürsten und Kämmen, Kleidungsstücke, Prothesen und Töpfe. Besonders bedrückend war dabei der Anblick der kleinen Kinderschuhe und Kinderkleidung. Gerade diese Gegenstände führten uns noch einmal vor Augen, dass hinter den unvorstellbaren Zahlen und Statistiken einzelne Menschen standen – Kinder, Eltern, Familien und Menschen mit einem eigenen Leben und einer eigenen Geschichte.

Ebenso erschütternd war der Anblick der großen Mengen menschlicher Haare, die bis heute in der Gedenkstätte aufbewahrt werden. Sie sind ein unmittelbares Zeugnis der Menschen, die hier ermordet wurden, und machen auf erschreckende Weise deutlich, dass die Verbrechen von Auschwitz keine abstrakte Geschichte sind, sondern tatsächlich an Millionen von Menschen begangen wurden. Auch Fotografien, Zeichnungen und persönliche Zeugnisse von Häftlingen gaben Einblicke in deren Leben und Leiden. Wir sahen historische Aufnahmen, darunter auch heimlich angefertigte Bilder, die die grausamen Vorgänge im Lager dokumentierten. Modelle und erhaltene Teile der damaligen Anlagen machten außerdem sichtbar, wie systematisch die nationalsozialistische Vernichtung organisiert worden war.

Ein weiterer eindringlicher Moment war der Besuch der Gaskammer und des Krematoriums. Die Räumlichkeiten, die heute still und leer wirken, waren einst Schauplatz unvorstellbarer Verbrechen. Gerade diese unmittelbare Begegnung mit den erhaltenen Orten machte die Geschichte greifbarer, als es ein Schulbuch allein jemals könnte. Immer wieder begegneten uns dabei Erinnerungszeichen und Aussagen, die zum Nachdenken aufforderten. Eine davon fasste die Bedeutung unseres Besuches besonders treffend zusammen: „Those who do not remember the past are committed to repeat it.“ – „Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

Anschließend fuhren wir weiter nach Birkenau. Schon auf dem Weg zum bekannten Lagereingang war das markante Tor mit den dahinterliegenden Schienen aus der Ferne zu erkennen. Je näher wir kamen, desto eindrücklicher wurde der Blick auf die sogenannte Judenrampe, an der die Deportationszüge einst mit den Gefangenen ankamen. Hier erfuhren wir mehr über die Ankunft der Deportierten und die anschließende Selektion. Wir sahen die erhaltenen Baracken, die Ruinen der ehemaligen Gaskammern und des Krematoriums sowie die Gedenkstätte für die Opfer. Eine weitere Führung von etwa einer Stunde gab uns die Möglichkeit, auch diesen Teil des ehemaligen Lagerkomplexes genauer kennenzulernen.

Nach insgesamt mehreren Stunden an diesem historischen Ort traten wir die Rückfahrt nach Krakau an. Gegen 17 Uhr kamen wir wieder im Hotel an. Der Abend verlief bewusst ruhiger. Viele von uns nutzten die Zeit, um durch die Innenstadt zu spazieren, gemeinsam essen zu gehen und den Tag ausklingen zu lassen. Nach den vielen Eindrücken des Tages tat es gut, einfach zusammenzusitzen und den Abend in Krakau zu genießen.

Donnerstag – Jüdisches Viertel, Schindler und ein kleiner Umweg

Am Donnerstag stand die Geschichte Krakaus erneut im Mittelpunkt. Auf dem Programm standen das jüdische Viertel und die ehemalige Fabrik von Oskar Schindler. Dafür wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Tag begann allerdings für eine der Gruppen mit einem kleinen organisatorischen Fauxpas: An der Alten Synagoge angekommen, erhielten wir zunächst die Information, dass wir direkt zur Schindler-Fabrik gehen sollten. Also machten wir uns auf den Weg. Dort angekommen, stellte sich jedoch heraus, dass wir eigentlich wieder zurück zur Synagoge sollten.

So führte uns unser Weg kurzerhand wieder zurück – und am Ende kamen wir rund eine Stunde zu spät zu unserer Führung. Dadurch konnte unsere Gruppe leider nur an einer verkürzten Führung teilnehmen. Die andere Gruppe hatte hingegen das vollständige Programm. Trotzdem war auch unsere verkürzte Führung ausgesprochen interessant und bot viele neue Einblicke. Wir besichtigten die Alte Synagoge und erfuhren viel über das jüdische Leben in Krakau und dessen Geschichte. Anschließend ging es weiter zur Schindler-Fabrik. Dort erwarteten uns zahlreiche historische Fotografien, Ausstellungsstücke und Nachbauten, die das Leben der Menschen in Krakau während der Zeit des Nationalsozialismus anschaulich machten.

Nach den Führungen trafen beide Gruppen wieder zusammen. Natürlich durfte dabei ein gemeinsames Erinnerungsfoto nicht fehlen: einmal der gesamte Jahrgang und einmal als Kurs wurden die Erlebnisse dieser Woche fotografisch festgehalten. Gegen 14:30 Uhr wurden wir schließlich von unseren Lehrkräften in unsere Freizeit entlassen. Nun konnten wir Krakau noch einmal ganz nach unseren eigenen Vorstellungen erkunden. Während einige durch die Innenstadt schlenderten und shoppen gingen, suchten andere Restaurants auf oder machten sich auf den Weg zu einem Badesee.

Doch Krakau hatte an diesem Nachmittag offenbar noch einen letzten Wetterwechsel für uns vorbereitet. Plötzlich zog Regen auf und sorgte dafür, dass sich viele Gruppen zunächst wieder ins Hotel zurückzogen. Die Koffer wurden gepackt, denn langsam rückte die Heimreise näher. Glücklicherweise hielt das schlechte Wetter nicht lange an. Nachdem der Regen wieder aufgehört hatte, zog es viele noch einmal hinaus in die Stadt. Ein letztes Essen und ein letzter Spaziergang – schließlich musste der letzte Abend in Krakau noch einmal richtig genutzt werden.

Später trafen wir uns wieder im Hotel und ließen den letzten Abend unserer Studienfahrt gemeinsam ausklingen. Nach einer Woche voller neuer Eindrücke, Erlebnisse und gemeinsamer Momente war dabei wohl jedem klar, dass diese Reise viel zu schnell vergangen war.

Freitag – Zurück nach Hause

Am Freitagmorgen hieß es dann endgültig Abschied nehmen. Nach dem Frühstück wurden die letzten Sachen gepackt und um 9 Uhr traten wir die Heimreise an. Während die Hinfahrt noch von Vorfreude, Gesprächen und Aufregung geprägt gewesen war, verlief die Rückfahrt deutlich ruhiger. Die lange Woche machte sich bemerkbar: Viele schliefen, hörten Musik oder ruhten sich einfach aus. Schließlich lagen mehrere Tage voller Programm hinter uns.

Gegen 21 Uhr erreichten wir wieder den Busbahnhof in Sondershausen. Müde, aber mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck, verabschiedeten wir uns voneinander und machten uns auf den Weg ins Wochenende. Der eine oder andere dürfte dabei wohl ziemlich froh gewesen sein, endlich wieder ein eigenes Bett zu sehen.

Eine Fahrt, die bleibt

Eine Woche Krakau – das waren nicht nur lange Busfahrten, 27 Kilometer auf dem Fahrrad und jede Menge gelaufene Kilometer durch die Stadt. Es waren vor allem gemeinsame Erlebnisse, neue Eindrücke und Erinnerungen, die uns als Jahrgang noch lange begleiten werden. Wir haben viel über Krakau, Polen und die Geschichte Europas gelernt. Besonders der Besuch von Auschwitz-Birkenau hat uns dabei vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und sich an die Menschen zu erinnern, denen dort unvorstellbares Leid widerfahren ist.

Gleichzeitig blieb aber auch genügend Zeit, Krakau als Stadt kennenzulernen, gemeinsam zu lachen, essen zu gehen, die Abende miteinander zu verbringen und einfach eine letzte große Reise als zwölfte Klasse zu erleben. So war unsere Studienfahrt nach Krakau nicht nur eine Reise zu einem besonderen Ort, sondern auch ein gemeinsames Erlebnis, das unseren Jahrgang noch ein Stück näher zusammengebracht hat.

Und auch wenn wir am Ende froh waren, wieder in unseren eigenen Betten zu liegen: Eine Woche „längere Ferien“ hätte wohl niemand von uns abgelehnt.

Finn-Mathis Grimm

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